Publication 5122

Schmidt S. J. (1993) Zur Ideengeschichte des Radikalen Konstruktivismus. In: Florey E. & Breidbach O. (eds.) Das Gehirn – Organ der Seele? Zur Ideengeschichte der Neurobiologie. Akademie Verlag, Berlin: 327–349. Fulltext at https://cepa.info/5122
Von den heute gehandelten philosophischen Schulen und Richtungen hat der sogenannte Radikale Konstruktivismus wohl die engsten Beziehungen zu Forschungsansätzen und Ergebnissen der Neurobiologie – so enge Beziehungen, dass viele Philosophen monieren, radikale Konstruktivisten rechneten zu faktengläubig und umstandslos von biologischen Ergebnissen auf erkenntnistheoretische Hypothesen hoch. Andere – auch Biologen – bemängeln, der Radikale Konstruktivismus verlasse sich bei seinen Argumentationen zu stark auf eine ganz bestimmte Version von Neurobiologie, die im Fach keineswegs voll konsensfähig sei, und raten daher zu mehr Vorsicht bei der Koalitionsbildung. Wieder andere sind mit Kant der Ansicht, die Philosophie könne von Neurobiologie und Psychologie überhaupt nichts lernen, und schon jedes Hilfsansuchen der Philosophie an die Naturwissenschaften sei unzulässig. Wir haben es also offensichtlich mit einer schwierigen Verbindung zu tun, die von einem gemeinsamen Interesse gestiftet ist: dem Interesse am Beobachter, an Kognition und an Beschreibungen des Beobachters durch andere Beobachter (Beobachtungen zweiter Ordnung). Konstruktivistische Philosophen vertreten die Auffassung, dass alles, was Einzelwissenschaften wie etwa die Neurobiologie an Einsichten über den Beobachter und seine Kognition beibringen können, gründlich erwogen werden muss, will man über Wahrnehmung, Erkenntnis, Wirklichkeit und Wahrheit philosophieren. Neurobiologen werden vielleicht nicht ebenso leicht angeben können, was sie denn von konstruktivistischem Philosophieren lernen oder profitieren können. Vielleicht ist die folgende Antwort akzeptabel: Plausibles Nachdenken über den Beobachter und seine Kognitionen, vor allem über Unterscheiden, Benennen und Kommunizieren, betrifft immer auch zentrale Tätigkeiten des Neurobiologen: Beobachten und Beobachten von Beobachtern. Darum sollten Neurobiologen vielleicht doch von Zeit zu Zeit beobachten, was radikale Konstruktivisten tun. Unter dieser Perspektive können vielleicht auch Neurobiologen dem Diskurs des Radikalen Konstruktivismus interessante Aspekte abgewinnen. Dieser Diskurs ist seit einigen Jahren in eine neue Phase getreten, angestoßen durch Kritik von außen wie von innen, angestoßen aber auch durch die Auseinandersetzung mit neu interpretierten Kapiteln aus der Geschichte der Philosophie sowie einschlägiger Natur- und Sozialwissenschaften. Im folgenden Beitrag will ich ein kurzes Schlaglicht auf den gegenwärtigen Stand des radikalkonstruktivistischen Diskurses im Blick auf einige ausgewählte ideengeschichtliche Debatten werfen, in der Hoffnung, dass auch ideengeschichtlich interessierte Neurobiologen aus diesen Überlegungen etwas für die eigene Arbeit übernehmen können.
Reprinted in 2008 in: SPIEL (Siegener Periodicum zur Internationalen Empirischen Literaturwissenschaft) 27(1–2): 125–144

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